In der Postproduktion von DLP1
In der Postproduktion von DLP1

In der Postproduktion von DLP1

Am Anfang steht eine Idee. Und bis zum vollendeten Film ist es ein weiter Weg. Nachdem die Drehbuchschreibenden ihre Geschichte den Regieführenden am Set anvertraut haben, müssen diese nun auf die Kompetenz der im Schnitt Sitzenden hoffen. Was deren Freizeitbeschäftigung der vergangenen Monate war, möchten wir im Folgenden kurz umreißen.

Datenmanagement

Postproduzieren ist einfacher, wenn man am Set etwas vorarbeitet. Diese Vorarbeit für das Datenmanagement sah bei DLP1 etwas anders aus, als beim Pilotprojekt im Jahr davor. Statt vor jedem Take eine Filmklappe zu schlagen, verknüpften wir in einer langen Liste die Dateinamen der Kameras und Audio-Rekorder mit den Szenen- und Take-Nummer (1).
Jeden Abend kopierten wir dann die aufgenommen Dateien und löschten die Speicherkarten für die Nutzung am nächsten Tag. Sobald eine Speicherkarte beinahe voll oder der Tag zu Ende war, markierten wir die Speicherkarten mit einem Klebestreifen über den Speicherkontakten schon am Set. Ein Zeichen für jeden, dass diese Speicherkarte nur noch von den für die Datenübertragung verantwortlichen Personen Hand zu haben ist. Diese kopierten am Tagesende die Dateien auf zwei separaten Computern, mit zwei separaten SD-Lesern, auf zwei separate Festplatten.
Im Vorjahr hatten wir vom Set nur einen Satz Dateien mit in die Postproduktion gebracht. An irgend einer Stelle war dann eine Datei kaputtgegangen. Ja, eine wichtige Szene. Ja, der einzige vollständige, gute Take dieser Szene. Lektion gelernt: Datensicherung und immer zwei nutzbare Takes aufnehmen.

Die wahre Arbeit begann aber erst in den ersten Wochen der Postproduktion. Videodateien, Fotos und Audiodateien wurden nach Quelle sowie Drehtag sortiert und in ein gemeinsames Namensformat überführt. Dieses gibt auf einen Blick Aussage über Aufnahmedatum, -zeit, -quelle und Name der Originaldatei (bspw.: [21-09-01 11-39-24 XT4-1103.mp4]).
In DaVinci Resolve, unserem Videoschnittprogramm, begann dann die Arbeit jede Datei einzeln anzusehen. Mithilfe der am Set geführten Liste ordneten wir die Informationen den Dateien zu. Jede Datei erhielt außerdem weitere Markierungen wie: Outtake, Behind the Scenes, Löschbar, Toneffekt.
Die wichtigste Markierung ist aber Good Take, welche aussagt, ob eine Aufnahme brauchbar ist. Teilweise ist nur eine Kameraperspektive tatsächlich nutzbar, weil beispielsweise auf der anderen ein wichtiges Detail verbogen bleibt. Von den stets mindestens zwei Audiospuren ist außerdem auch manchmal nur eine zu gebrauchen, weil zum Beispiel auf der anderen ein Geräusch zu laut war.

Dieser Prozess des Zuordnens, Markierens, Ansehens und Aussortierens dauerte rund dreißig Stunden. Doch jetzt haben wir eine solide Grundlage auf der wir einen Rohschnitt aufbauen können.

Gedrehte Szenen73 von 82
Aufnahmen (Takes)300 (~4,1 pro Szene)
Drehzeit pro Tag⌀ 9,6 Stunden
Drehbuchseiten pro Tag⌀ 7 Seiten
Längster TagDienstag (11 h)
Tag mit meisten SzenenFreitag (16 Stk.)
Videodateien535 Stk.
Audiodateien599 Stk.
Länge aller Aufnahmen~12,8 Stunden (Video)
~14,5 Stunden (Audio)
Benötigter Speicherplatz~230 GB
Statistiken aus der Datenhölle

Rohschnitt

Ohne noch ein kleines Bisschen weiterer Vorbereitung ging es dann aber doch noch nicht in den Rohschnitt. Letzter Schritt vor dem eigentlichen Beginn des Rohschnitts ist die Gruppierung der Aufnahmen. Videoaufnahmen von drei Kameras und zwei Recordern wurden in einen einzelnen Clip zusammengefasst. Der Vorteil: Mit nur einem Klick können wir im Schnitt zwischen den Kameraperspektiven wechseln und das Synchronisieren der Audioaufnahmen mit dem Bild dem Schnittprogramm überlassen. Bei annähernd 1.000 Dateien ist jede Form der Automatisierung herzlichst willkommen. (1)
Ein weiteres Beispiel für Automatisierung: Die Zuordnung der in einer Aufnahme sichtbaren Personen (beziehungsweise Rollen) wurde durch die Gesichtserkennung des Schnittprogramms deutlich beschleunigt. Einige witzige Treffer kamen jedoch auch zu Stande, wie die Reflektion eines Gesichts in einem Fensterglas, welches der Algorithmus nicht zuzuordnen wusste, da diese Person doch bereits an ihrem echten Gesicht als in der Aufnahme befindlich erkannt wurde. (2)

In der ersten Version des Rohschnitts geht es darum, die aufgenommenen Takes zu kürzen – das „Und bitte“, und „Danke“ der Regie zu entfernen – sowie diese in der vom Drehbuch vorgegebenen Reihenfolge hintereinander zu platzieren. Es ergibt sich eine eher chaotische und gänzlich unanschaubare Version des Films. In vielen Fällen ergibt sich jetzt bereits ein grobes Bild dessen, was verändert werden muss. Manchmal ist ein alternativer Take einer Einstellung besser für den Fluss einer Szene oder es wird offenbart, dass ganze Szenen oder Abschnitte umstrukturiert oder gekürzt werden müssen.
Oft parallel übernahm eine weitere Person die Arbeit am Ton. Stellenweise musste nicht ganz akkurat synchronisierter Ton manuell korrigiert werden. Für jede Szene, welche Dialog enthält, musste dieser für jeden Charakter getrennt und auf eine einheitliche Lautstärke gebracht werden. (3)

Nachdem wir uns am Set für eine nahezu bombensichere Dateiverwaltung eingesetzt hatten, musste uns das Schicksal nun daran erinnern, dass wir noch nicht in allen Aspekten für Sicherheit gesorgt hatten. Mitten in der zweiten Version des Rohschnitts steckend entschied sich unser Schnittprogramm, einen großen Teil unserer Timeline zu löschen (4). Und natürlich hatten wir keine aktuellen Backups der Projektdatenbank – denn DaVinci Resolve schaltet automatische Backups im Kollaborativmodus heimlich aus – ein Tatbestand, den wir später dem Kleingedruckten in der Bedienungsanleitung entnehmen konnten.
Über 15 Stunden Arbeit waren damit… für uns als Lernerfahrung, statt als Arbeitszeit zu verbuchen. Mit einem etwas älteren Export des Rohschnitts v1 gelang es uns zum Glück relativ zügig, zum vorigen Arbeitsstand aufzuschließen (5).

Mittlerweile haben wir die dritte Fassung diskutiert und den Rohschnitt damit für beendet erklärt. Im folgenden Feinschnitt geht es ans Eingemachte. Eher grob in eine ansehbare Ordnung gebrachte Clips werden nun aufs Bild genau aufeinander abgestimmt. Hier eine fünfundzwanzigstel Sekunde mehr, da eine weniger und hier noch ein kleiner Zoom auf 112%, um den Protagonisten exakt im Bild zu zentrieren. Diese Einstellung ist deutlich dunkler aufgenommen worden als die vorige: die sollte man ein wenig aufhellen – wobei diese beleuchtete Wand im Hintergrund jetzt viel zu hell und ablenkend ist, die muss also wieder dunkler. Und wo wir gerade dabei sind, können wir dieses rote Tuch noch ins Braune verschieben, denn welcher Bauer trägt so ein reines Rot… (6, 7).
Noch viel mehr Arbeit erwartet wohl den Ton. Normalisieren, Komprimieren, Equalizer feinjustieren, Umgebungston implementieren, Effekte umfunktionalisieren, Musik einmelodieren – alles für den richtigen Klang halt.

Eine Menge Arbeit. Und es gibt dann nach dem Feinschnitt ja noch den Finalschnitt. Na Halleluja, denken sich da die Menschen im Schnitt (zu Hilfe! Man rette uns!!!).

Extra: Interview mit Crew und Cast

‘Lasst uns einander zeitnah wiedersehen’, sagten wir, als sich unsere Unterkunft am Abend des letzten Drehtags und dem folgenden Morgen leerte. Nach nahezu einer ganzen Woche ununterbrochenen sozialen Kontakts war ein wenig Ruhe bitter von Nöten, doch besonders lange hielten wir es alleine nicht durch.

Einige Wochen später traf sich der Großteil der Beteiligten noch einmal und wir nutzen die Gelegenheit mit etwas objektivem Abstand auf diese spaßigen Strapazen zurückzublicken. Hier ein kleiner Teil der Interviews mit einigen Blicken hinter die Kulissen – nach dem letzten Blogeintrag dieses Mal in bewegten Bildern.


Lange haben wir wieder gebraucht für diesen Blogeintrag. Doch es ist auch wirklich viel passiert, das uns stets auf Trab gehalten hat. Im nächsten Eintrag – voraussichtlich im März – werden wir dann endlich vom musikalischen Fortschritt des Soundtracks berichten. Auch hoffen wir, bis dahin einen neuen Premierentermin ohne Covid-Beschränkungen ankündigen zu können.
Bis dahin: Vielen Dank für euer kontinuierliches Interesse und eure fortlaufende Unterstützung.

Wenn ihr jetzt noch nicht genug habt: Hier geht es zum Blogeintrag des Projektes Nimm Deine Hand, welches im Dezember 2021 entstand. Ein Kurzfilm ohne Dialog über die Erlebnisse eines Verlorenen und dessen Reise zu einem Ziel, das er nicht kannte.


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